Jan Gehl im Interview

Wir haben den dänischen Architekten und Stadtplaner Jan Gehl nach seiner Meinung und um Mobilitätstipps für Hannover gebeten.

(Für die englische Orignalfassung weiter runterscrollen)

In Hannover wird lebhaft über den Rückbau von Parkplätzen diskutiert, der Rat hat sich dagegen entschieden - was ist Ihre Meinung zu dem Thema?

Jan Gehl: Wir werden in Zukunft sehr viel weniger Autos haben. Ein Auto steht 95% seines Lebens. Eine sehr ineffiziente Nutzung eines Verkehrsmittels. In der Stadtmitte von Kopenhagen hat man vor vielen Jahren begonnen Parkplätze zurückzubauen. Der Stadtarchitekt sagte, wenn man dies nur langsam genug tue und niemandem davon erzählte, würde es auch niemand merken. Gleichzeitig wurden mehr Fahrradwege gebaut und der öffentliche Nahverkehr verbessert. Diese beiden Dinge gehen Hand in Hand und müssen gleichzeitig vollzogen werden. Wir müssen die Fahrzeugdichte in Städten verringern. In den meisten Städten ist sie schon sehr problematisch. Wir bekommen sehr klare Empfehlungen aus dem Gesundheitssektor. Man fordert uns auf, Stadtplanung so zu denken, dass die Menschen möglichst viel gehen und Fahrrad fahren. Wir wissen, dass Menschen in Städten länger leben, als die in Vorstädten. In Städten wird mehr gegangen und Treppen gestiegen, während die Menschen in Vorstädten mehr Auto fahren und somit mehr sitzen. Man nennt es das „sitting-syndrome“ und es ist sehr teuer für die Gesellschaft, da die Menschen schneller sterben und mehr gesundheitliche Probleme im Alter bekommen.

Der Times Square in New York vor der Beauftragung von Gehl Architects

In Hannover passieren gerade laufend Unfälle, etwa alle 15 Minuten einer (meistens Fußgänger oder Radfahrer, die von Autos angefahren werden). Wie würden Sie als Urban Design Consultant darauf reagieren?

Jan Gehl: Es gibt ganz klare Erkenntnisse, wie man Straßen viel sicherer macht. Auch in Hannover muss man diese Erkenntnisse nutzen, um sicher zu stellen, dass es jedes Jahr weniger Unfälle gibt. Wenn es mehr Radfahrer gibt, muss es eine bessere Infrastruktur für sie geben. Sie sind schließlich sehr verwundbar. Das können Verkehrsingenieure umsetzen – wenn sie es möchten.

Der Times Square in New York nach der Umstrukturierung durch Gehl Architects

Wie hat sich Kopenhagens Verkehrssicherheit durch Ihren Einfluss als Stadtarchitekt verändert?

Jan Gehl: Ich habe in den letzten 50 Jahren mit einer Vielzahl von Städten zusammengearbeitet. Die meiste Zeit davon war Kopenhagen mein Labor, ein Ort, wo ich unsere Forschungen und Untersuchungen durchführen konnte. Das hat einen starken Einfluss auf die Stadtplanung, sodass Kopenhagen inzwischen weltweit die beste Stadt für Menschen ist. Es geht darum, die Denkweise der Menschen auf die Stadt zu beeinflussen. Die Menschen müssen darüber informiert werden, welche Alternativen und klimatischen Auswirkungen es gibt und dass wir schnell und drastisch handeln müssen. Wir müssen aufhören, fossilen Brennstoff zu nutzen und Mobilität komplett neu denken. So wie unsere Mobilität aktuell organisiert ist, ist sie unpraktisch und veraltet. Die Idee des Automobils ist 120 Jahre alt und hat sich wenig verändert: „Jeder bekommt eine Tonne Stahl und vier Gummiräder und schon ist er mobil“. Wenn das jeder so macht, sind die Städte nicht voller Mobilität, sondern voller Stagnation. Diese Mobilitätsidee kann im wilden Westen oder in ländlichen Gebieten funktioniere, aber nicht in Städten. Außerdem haben wir inzwischen größere Städte gebaut, wodurch auch die Probleme gewachsen sind.

Einer der Unfallschwerpunkte in Hannover ist der Engelbosteler Damm. Es gibt viele Geschäfte und Restaurants auf beiden Seiten dieser langen und belebten Straße. Autos, Radfahrer und Fußgänger nutzen diese Straße. Diskussionen über eine Abschaffung von motorisierten Fahrzeugen auf dieser Straße, wird mit dem Argument von „absehbaren finanziellen Einbüßen des Einzelhandels“ begegnet. Was ist Ihre Erfahrung diesbezüglich?

Jan Gehl: Wenn es keine gute Idee wäre autofreie Straßen und Plätze zu bauen, was glauben Sie warum so viele Städte, überall auf der Welt, genau das bereits getan haben? Glauben Sie, dies würde sich in der Marktwirtschaft durchsetzen, wenn es nicht gut für das Geschäft wäre? Wir wissen, dass Städte, die einladend für Fußgänger und Radfahrer sind, im Einzelhandel und der Gastronomie wirtschaftlich viel besser aufgestellt sind. Außerdem steigt auch der Wert der Gebäude an diesen Straßen. Manchmal macht es Sinn, Taxis und Lieferverkehr zu bestimmten Uhrzeiten zuzulassen. Es dauert ein bisschen, bis die Menschen und Einzelhändler sich an die neuen Möglichkeiten gewöhnen, aber dann kann es ein großer Erfolg sein. Vielleicht ist Hannover etwas altmodisch und rückständig? Haha. Sie können nach Karlsruhe oder in viele andere Städte fahren, und Sie werden sehen, dass Hauptstraßen zu Straßen für Menschen umgewandelt wurden.

Der New Road in Brighton nach der Umstrukturierung durch Gehl Architects

Wir etablieren gerade ein Mobilitätsnetzwerk in Hannover, um den hohen Unfallzahlen entgegen zu wirken. Dieses Netzwerk verfolgt einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz und umfasst Teilnehmer*innen aus verschiedenen Bereichen. Von Bürger*innen, Verwaltungsinstanzen, Verkehrsforschung, Verkehrsmanagement bis hin zu Künstler*innen und Mobilitätsaktivist*innen. Gemeinsam wollen wir neue Maßnahmen entwickeln, bei denen wir unsere Stärken kombinieren, um mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu erlangen und einen Wandel in der Denkweise anzustoßen. Unser Ziel ist es, die Anzahl von tödlichen Unfällen und Schwerverletzten in Hannover und Region bis 2035 um 40 % zu senken. Was halten Sie von diesem Ansatz? Was können Sie uns mit auf den Weg geben?

Jan Gehl: Ich denke es ist in Ordnung, dass Sie sich auf die negativen Dinge, also die Unfälle konzentrieren. Allerdings denke ich, dass Sie vor allem die guten Dinge, die durch einen menschenfreundliche Ansatz entstehen können, mehr betonen sollten. Die älteren Menschen können entspannt durch die Stadt gehen, Menschen mit Kindern können überall hingehen, man kann seine Nachbarn treffen und sich unterhalten weil der Geräuschpegel in den Straßen geringer ist. Denken Sie an all die positiven Dinge, nicht nur an die Unfälle. Wenn man die Stadt verändert, dann um etwas positives für die Menschen und die Stadt selbst zu erreichen. Wenn das dann noch die Unfallrate reduziert, umso besser. Aber Sie sollten immer ein breiteres Ziel haben, als Unfallzahlen zu reduzieren. Sonst denken Sie zur sehr wie ein Verkehrsingenieur.

In Hanover, there is a lively discussion going on concerning the removal of parking space. Nevertheless, the city council has decided not to do so. What is your opinion on this topic?

Jan Gehl: We will have much fewer cars in future. A car is parked 95% of its entire life. This is a very inefficient use of a mobility-tool. In Copenhagen many years ago, they started removing parking-spaces in the inner city. The city-engineer said, that if you do it slowly and don’t tell anybody, no one will notice. At the same time he built a lot more bike-lanes, in order to make it much better to bicycle and they also improved the public transportation. These two things go hand in hand, and you have to do both gradually. We will have to reduce the car traffic in cities because in most cities it has become too problematic. We have very strong recommendations from the health-sector, that tell us to make city-planning in a way, that people walk and bicycle as much as possible. We know that people in cities live longer, than people in suburbs. Because people in cities walk more and there are more stairs, in suburbs they drive and therefore sit more in cars. The so called “sitting-syndrome” is very expensive for society because people live shorter and have more health issues when they’re old.

We are experiencing many traffic accidents in Hanover, approximately one every 15 minutes, some of them with deadly outcome (often pedestrians or cyclists, who are hit by cars). How would you react to this as an Urban Design Consultant?

Jan Gehl: There is so much evidence about how to make streets much safer. One shall use this evidence, also in Hanover, to make sure, that every year there will be fewer accidents than the year before. When you have an increasing number of bicycles, you have to create a much better infrastructure for them. The cyclists are very vulnerable. This can be done by traffic engineers – if they want to.

How did your actions as an architect affect the safety on Copenhagen‘s roads?

Jan Gehl: I have worked with a large number of cities during the past 50 years and most of the time I have worked with Copenhagen as my laboratory, the place where we started and continued to carry out our research and investigation. This has had a very strong influence on the city planning, so that the city now is one of the best cities for people in the world. It is about influencing the mindset, the way people think about the city. It is very much about informing people, what other options there are and also informing them about the climate issue, that we have to do something very drastically and very soon. We will have to abolish traditional fossil fuels shortly and have to rethink mobility all the way. The way our mobility is organized is very impractical and old-fashioned. The idea of the automobile is 120 years old and has never changed. The idea is “everyone gets a ton of steel and four rubber wheels and then he is mobile”, if everyone does this, all the cities will not be full of mobility but of stagnation. This kind of mobility-idea may work in the wild-west and the rural areas but not in cities. Also, in the meantime we have made bigger cities, which leads to even bigger problems.

One of the traffic-hot-spots in Hanover is a street called „Engelbosteler Damm“. Many shops and restaurants are on each side of this busy, long street. Cars, cyclists and pedestrians use it too. Discussions about banning motorized vehicles from this street are being encountered by the argument of „foreseeable financial loss for retail.“ What are your experiences on this topic?

Jan Gehl: If it wasn’t a good idea to make car-free streets and squares, why do you think so many cities in the world have done just that? Do you think this would have happened in a market economy if it wasn’t good business? What we know is, that if you make the city more inviting for people walking and bicycling, you can have a better economy for retail and restaurants and also an increase of the value of the buildings along the street. Sometimes it makes sense to say that taxis and deliveries are allowed until or from certain hours. It takes time for people and retailers to get used to the new opportunities but then it can be a big success. Maybe you are just old-fashioned and backwards-thinking in Hanover!? Haha. You can go to Karlsruhe or many other cities and you will see, that main streets have been turned into people-streets.

We are currently building a network to induce a change in terms of Hanovers high accident rate. This network consists of many different players within our society. From citizens to administration, accident research, traffic management, artists and mobility-activists. Together we try to come up with new types of actions, that combine and complete the strengths of each player, in order to attract awareness on the topic and to achieve a mindset, that allows change in the first place. Our longterm goal is to reduce road deaths and severe injuries within Hanover (and Hanovers rural areas) by 40% until 2035. What do you think about this approach? Can you give us any advice?

Jan Gehl: I can! I think it is fine that you concentrate on the bad things, which is the accidents. But I think, that you should put much more emphasis on telling all the good things, which can come out of making a more people-friendly policy. The elderly people can walk in peace, people with children can walk everywhere, you can meet your fellow citizens, you have a lower noise-level in the streets and can actually talk. Think about all the positive things, not only the accidents. Because when you shall change the city, it is to achieve something that is positive for the citizens and the city. And if it also reduces the accidents, that’s great. But you should always have a wider goal than just to reduce accidents. That is too much thinking like a traffic-engineer.

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