Werte an sich - gibt es nicht?

Im Gespräch mit Jörg Kretzschmar

Über Ideen, die Spannung des Willens, die Frage, was einen Wert überhaupt ausmacht und welche Rolle Interaktion und Kommunikation für Werte spielen.

Wir sprechen als Identitätsstifter*innen über die Überzeugungen, die uns antreiben: Welche Werte teilen wir? Welche Werte bestimmen unser Handeln und unsere Arbeit? Grundlegend für dieses Nachdenken ist die Frage: Was zeichnet einen Wert überhaupt aus? Jörg Kretzschmar vertritt die These, dass Werte erst ihre Wertigkeit durch uns, in unserem eigenen Handeln erhalten - und nimmt uns mit in die Denkwelt von Hannah Arendt und Richard Sennett.

Wie beschreibst du einen Wert?

Werte spiegeln Handlungsmaximen – in ihnen sehnen wir uns danach Vorstellungen zu verwirklichen. Liebe, Freiheit oder Respekt sind typische Werte, welche schon seit einigen Jahrhunderten überdauern. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass es Werte an sich nicht gibt, sondern sie lediglich in einem Zusammenhang unserer Vorstellungen wirken. Dieser Zusammenhang ist nicht immer gut, schön oder richtig. So manche Liebe kann erdrücken. Unter dem Gebot der Freiheit fielen bereits zahlreiche Köpfe in Körbe, nicht nur nach der Französischen Revolution. Und noch heute wird im Namen einer zweifelhaft ausgelegten Ehre vertrieben, misshandelt oder gar getötet. Mit den Werten sollten wir weder leichtfertig umgehen, noch sollten wir sie unreflektiert zu unseren eigenen Handlungsmaximen erklären - auch dann nicht, wenn sie vordergründig bequem wie attraktiv wirken.

© zweimalzwei fotografie

Was meinst du damit, wenn du sagst, Werte an sich gebe es nicht?

Ich beziehe mich da auf eine Aussage von Richard Senett, einer der führenden Soziologen der Gegenwart. Werte sind bekanntlich ein Zentralbegriff dieser Disziplin. Die Soziologie studiert insbesondere wie Werte in Gemeinschaften einsickern, sich dort verfestigen, aber auch wieder verschwinden. Werte unterliegen einer sozialen wie zeitlichen Dynamik. Senett sagt, er habe nie verstanden, was Werte an sich eigentlich seien und verlagert die Diskussion auf das Feld der Anschauungen. Als Biologe leuchtete mir diese Aussage sofort ein: besser Anschauungen zu betrachten als Werte zu thematisieren. Das nimmt nämlich Energie des richtig oder falsch aus dem Diskurs und lässt uns nüchterner auf die eigene Vorstellungen schauen, die wir hoffentlich gemeinsam zu verwirklichen suchen. Wir betreten zunächst den Raum der Ideen, bevor wir zu den attributierenden Werten vorstoßen. Der Aufruf zur Anschauung von Sennett zielte jedoch auch tiefgründiger. Er hatte noch bei Hannah Arendt studiert und für diese „Tochter Hannovers“ war die Anschauung der Weg allen Erkennens. Mit Werten selbst lässt sich nichts an sich erkennen, jedoch gut messen und ästhetisch urteilen.

Spielen Ideen also für Dich eine zentrale Rolle bei Werten?

Ja, so denke ich. Kein Mensch ist ohne Ideen. Ideen gelten spätestens seit Freud als das Medium der menschlichen Psyche. Daher kann heute kein Unternehmen mehr darauf verzichten, seine Ideen seinen Kund*innen nicht mitzuteilen. Für mich sind Ideen aber im Zusammenhang der allgegenwärtigen Kommunikation noch bedeutender. Ideen bilden das Medium menschlicher Kommunikation. So wie Geld als Medium der Wirtschaft, das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage orchestriert, so bilden Ideen das Medium zwischenmenschlicher Kommunikation zum Verhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Das einzige Handicap darin: verfestigen sich Ideen in Form absolut gesetzter Werte oder Ideale, geraten also ideologisch, wirken die Werte wiederum tyrannisch auf uns zurück. Niemand möchte unter einer solchen Tyrannei von Wertideologien leben oder wie Konfuzius sagte: Unter einer noch so wohlgemeinten Wertemoral (eines Einzelnen) lässt sich nicht gut leben. Viele asiatische Kulturen stellen bekanntlich nicht das Individuum, sondern eine Gemeinschaft in das Zentrum ihrer Werte-Betrachtung. Für uns vollkommen ungewöhnlich zielt diese Art des Denkens auf die Auflösung des Subjekts selbst – im Zen-Buddhismus formuliert: alles, das nichts ist.

Ich gerate jedoch ideenflüchtig. Zurück zu deiner Frage: ein Wert ist kein einsames Zentralgestirn. Eine leitende Frage lautet: Was erzeugt der Wert in mir – wozu soll er mir in (meinen) Beziehungen dienen? Der Mensch besitzt ein suchendes, ein begehrendes sowie ein genießendes Wesen – Werte sind davon nicht ausgeschlossen. Aus einem Dreiklang des warum, wofür und wozu lassen sich recht verlässlich konkrete Werte-Inhalte zuschreiben, die einem Werte-Begriff in der öffentlichen Darstellung mit Resilienz versehen, denn wir dürfen erwarten: nicht alle Werte werden von jedem gemocht. Ein Werte-Statement bedeutet mithin auch, dass wir nicht jedem gefallen wollen.

Du plädierst für eine sorgsame Prüfung der Wert-Wahl?

Ja, das tue ich - aber nicht aus der Geste einer moralischen Zurechtweisung, sondern weil ich glaube, dass aus einer eigenen Klarheit zur Werthaltung auch ein großes Glück und Zufriedenheit entspringt. Ich bin nicht der erste, der darauf hinweist, dass mancherorts allzu leichtfertig mit Werten umgegangen wird. Als Biologe konnte ich erleben, wie stark sich das Wertverständnis im Nachhaltigkeitsbegriff seit 1992 als es in Rio de Janeiro zu einem Wert der internationalen Staatengemeinschaft erklärt wurde, verändert hat. Wenigen ist es aufgefallen, dass der Begriff der Nachhaltigkeit zum Millennium einen Disziplinierungscharakter der sogenannten Erstweltländer gegenüber Drittweltstaaten eingenommen hatte. Die Werteerfüllung war zunächst und allein(!) den Entwicklungsländern übertragen. Dies ist glücklicherweise heute wieder anders. Nachhaltigkeit gilt wieder für alle und ist als omnipräsenter Wert von Unternehmen wie deren Marken kaum wegzudenken. Das inhaltliche Spektrum des Begriffs selbst hat sich dabei noch einmal deutlich diversifiziert, im Vergleich zum Jahr 1992. Es zeigt auch, dass wir mit Werten stets diskursiv offen und durchaus kritisch umgehen sollten, dass eben solche unschönen Exzesse wie zum Jahrtausendwechsel nicht geschehen. Neben inhaltlichen Ausrutschern bei Werten empfinde ich die Leergesten als noch bedenklicher. Werte werden im Dienste persönlicher Befindlichkeiten angeführt und gegen andere in Anschlag gebracht. Bei der Wertewahl wie ihrer Nutzung besitzen wir als Menschen eine Sorgfaltspflicht, die wir nicht – an Maschinenalgorithmen zum Beispiel delegieren sollten. Die Werte-Einigung ist sicher nicht einfach, aber aller Mühe wert – denke ich.

© Björn Vofrei

Du hast einen Auszug an Kriterien angeführt, um die Begriffsauslegung eines Wertevorschlages näher beurteilen zu können ...

… um, eine mehr-perspektivische Anschauung zu fördern. Um – einmal mehr auf Hannah Arendt zu sprechen zu kommen – ein selbst-erkennen zu befürworten. Arendt verstand das Urteil aus einem anschauenden Erkennen stets auch als ein (neu) anfangen können. Dass ihr den Wert „Beziehung“ als einen möglichen Schlüsselwert eurer Organisation gewählt habt, finde ich einfach toll. Beziehungen sind derart grundlegend, dass wir schon beinahe vergessen haben, wie bedeutungsvoll, existenziell gar Beziehungen für uns heute sind, nicht nur um zu lieben oder überhaupt leben, sondern eben auch, um exzellente Leistungen erzielen zu können. Allerdings liegt da auch der Pferdefuß. Beziehungen sind eine Tatsache allen Lebens, das stets auf eine Bezogenheit angewiesen ist. Nicht umsonst gilt die Einzelhaft, also der Entzug einer Beziehung zu anderen als die höchste Strafe zivilisierter Nationen, die nicht zur Todestrafe greifen. Ich denke also, Beziehung hat eine ungeheure Werthaltigkeit, auch wenn es entsprechend möglicher Beurteilungskriterien „kein Wert an sich“ ist – doch als gründende Idee, mit der ihr Euch von anderen absichts- wie verantwortungsvoll unterscheiden wollt, finde ich die Idee ganz wunderbar. Eure weiteren Diskurse zu den gemeinsam geteilten Anschauungen und Vorstellungen wird sicherlich erkenntnisreich und weit über „Beziehungen“ hinaus reichen. Im Sinne Arendts: euch einen neuen Anfang schenken. Wie hängen die Schönheit und das Geheimnisvolle zusammen?

Lass uns bitte die möglichen Eigenschaften von Werten konkretisieren ...

Gerne. Bei Werten denken wir schnell an Leitbild, an Kultur und an Moral. Werte werden gebildet. Sie leben in Beziehungen, dort werden sie geboren wie sich auch beerdigt und betrauert werden können. Die Werte selbst werden in Form von Erzählungen in die zwischenmenschliche Beziehung eingetragen und dort zur Anschauung, dann zu einer konkreten Vorstellung und schließlich zu einer Sichtweise eigenen Handelns geformt. Die Bedeutung von Werten ist nicht selbstverständlich, sie brauchen den diskursiv-offenen Austausch. Werte lassen sich zwar verkünden, manche auch anordnen, aber sie bewirken dann nicht das Anvisierte. Man folgt ihnen durchaus formal, aber eben nicht faktisch.

Zu den zeitgenössischen Charakteristika von Werten zählen:

  • Werte wirken als regulative Idee – sie haben orientierenden Charakter für die Gruppe.
  • Sie besitzen eine Valenz, das heißt einen Aufforderungscharakter „konkret es so zu tun“.
  • Werte sollten sowohl vernunftsrichtig als auch gefühlsrichtig formuliert sein – verkopfte Werte sind wenig alltagstauglich.
  • Sie erzeugen einen performativen Akt, das heißt, sie paraphrasieren Sinnverweise – Werte machen also ordentlich Sinn und darin dienen sie auch einer Selbstwerdung, deren äußere Form sich uns als Identität zu zeigen gibt.
  • Werte setzen unser Wollen unter eine Spannung - in das Wechselspiel von Begehren und Genießen. Darin zeigen sie eine exemplarische Gültigkeit für uns, die wir immer wieder mit anderen aushandeln. Das Leben der Werte entsteht aus diesem Spannungszustand. Werte, die keiner kritischen Spannung unterliegen, sind im Wortessinne leblos – reine Etikette.

Welche Rolle spielt Interaktion und Kommunikation bei Werten?

Das Faszinierende an Werten in ihrer besonderen Eigenart des Erscheinens ist, dass sie zwischenmenschliche Interaktionen bedürfen. Mittels Kommunikation können wir zwar gemeinsam Werte bilden, doch erst im gemeinsamen Handeln nehmen wir sie auch an. Werte zählen zu der eigentümlichen Gruppe der Beziehungsleistungen. Die Art und Weise einer Beziehung, die nach Arendt idealerweise eine intersubjektive und daher keine objektivierte wäre, entscheidet auch über die Qualität der Werte in ihren alltäglichen (Aus-)Wirkungen. Welche zentrale Rolle dabei das Bezugssystem spielt, lässt sich am Unterschied von Vertrauen und Verlässlichkeit verbeispielen. Vertrauen gilt nicht nur Soziologen als ein beziehungs-hinterlegtes Gefühl, das mit einem sozialen Risiko verbunden ist. Hingegen bezeichnen wir mit Verlässlichkeit ein fakten-bezogenes Gefühl, das mit einem zeitlichen Risiko hantiert. Für beide können wir Verantwortung übernehmen – weniger akademisch formuliert: in einem Beispiel handelnd, von dem wir annehmen dürfen, dass auch andere folgen werden. Die fortsetzende Zuschreibung als verantwortungsvoll oder als verlässlich bildet einen Eckpfeiler unserer Identifizierung durch andere. Ein solcher ex-zentrischer Blick bildet die Zuschreibung von Selbigkeit: das, was wir als Identität bezeichnen.

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Wie werden Werte verbindlich oder: Wie stabilisieren wir gemeinsame Werte?

Werte sind wie alle Phänomene gebrechlich. Werte brauchen unser aller Hilfe, wenn wir sie erhalten wollen. Erst in einem Teilen mit anderen werden sie wertvoll wie sinnstiftend. Kollektive Erinnerungen aktualisieren ihren Inhalt. Wir alle tragen so etwas wie eine Werte-Spur in unserer Lebensbiographie: Vorstellungen und Überzeugungen, die wir einmal hatten, die uns heute indes weniger bedeutend erscheinen. Was uns wichtig, richtig oder schön erscheint, rufen wir hingegen auch bei anderen in Erinnerung, durchaus fordernd. In diesem Vorgehen sind Werte selbstredend mit Erwartungen belegt. Der Kontext der Anschauung ist bedeutender aus als der Wertbegriff selbst wie das Beispiel des Nachhaltigkeitsbegriffs zeigt. Dessen Inhalt hat sich in den letzten 30 Jahren mindestens 4-mal an die Erfordernisse anzupassen gewusst. Ein Grund mehr, Werte weniger von ihrer Begriffswahl als von der Art ihrer Anschauung in der gemeinsamen Diskussion zu halten.

Am bedeutungsvollsten scheint mir die Art und Weise wie Ihr es unternehmt „eure fünf Werte“ zunächst in die Gruppe und dann in Euer unternehmerisches Umfeld zu tragen. Euer Narrativ lässt nicht nur andere an die jeweilige, konkrete Vorstellung glauben, sondern die Anderen werden Euch idealerweise auch in den Anschauungen folgen wollen. Der Zeitgeist fordert uns dabei eine gewisse Symbolik ab. Findet ihr ein ausdrucksstarkes Bild, wie beispielsweise die 5 olympischen Ringe für die Verbundenheit aller Völker im Sport? Ein klares Symbol vermag selbst einen wechselhaften Werteinhalt zu überdauern, wird zum Identitätswert, einer Unternehmensmarke. Aber auch die ist lediglich eine ideelle Zuschreibung einer vorstellenden Anschauung des eigenen Begehrens – kein Wert an sich.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview: Johanna Worbs
Fotos: Björn Vofrei
Portraits: zweimalzwei fotografie

Jörg Kretzschmar ist promovierter Biologe, mit einem Faible für Entwicklungs- und Verhaltensmustern, für die es ihn zeitweise in den Urwald zieht; er lehrte viele Jahre Kommunikation an einer Hochschule; war in Großprojekten als zertifizierter Manager tätig, begleitet bis heute Organisationen und ihre Führungskräfte gerne bei kniffligen Fragen, kritischen Problemen als auch anspruchsvollen Ideen. Dr. Jörg Kretzschmar gilt als aufmerksamer Beobachter gerade in unübersichtlichen Situationen und wird daher von seinen Kunden nicht nur als verständiger Menschenkenner, sondern insbesondere als Agent für Transformation geschätzt.

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