Der Wert Authentizität

Im Gespräch mit Janet Braun

Ein Gespräch über Schablonen, Mut und klare Worte – kurz: was es bedeutet, man selbst zu sein.

Janet, wir unterhalten uns heute über Authentizität ...

... ein Wort, das die meisten Menschen schwer aussprechen können (lacht). Aber man muss es nur oft genug sagen, dann klappt es.

Das freut mich zu hören. Wieso beschäftigst du dich mit Authentizität?

Ich bin Profilerin und berate Teams, Unternehmen und Einzelpersonen. Es geht um die Fragen: Wer bin ich wirklich? Wer könnte ich sein, wenn ich mein volles Potenzial kennen und ausschöpfen würde? Die meisten Menschen kennen dieses Potenzial nicht – und auch Teams und Unternehmen wissen oft nicht um ihre Potenziale. Ich sage klar, was ich sehe und wo ich den nächsten Entwicklungsschritt machen würde, damit sie sich auch trauen. Manche hadern zum Beispiel mit dem Erfolg, weil sie im Außen anders wahrgenommen werden, als sie wirklich sind. Was wiederum eine Hürde ist, um erfolgreich zu bleiben. Ich bin überzeugt, dass du nur erfolgreich sein kannst, wenn du tatsächlich von innen nach außen authentisch bist. Du kannst kurzfristig eine Maskerade aufrechterhalten, aber mittelfristig wird es schon schwer – und langfristig klappt es auf keinen Fall. Irgendwann wirst du stolpern und dann wird das ganze Gerüst, das du dir mühevoll aufgebaut hast, über dir zusammenklappen. Oder zumindest knirscht es an der einen oder anderen Stelle.

Kannst du beschreiben, woran du fest machst, ob eine Person authentisch ist?

Ja, das fühlt und sieht man. Wir haben alle diese tierischen Instinkte, die wir aber leider nicht oft genug nutzen. Wenn du rausgehst aus einem Gespräch und bist erschöpft, weißt du, dass diese Person nicht authentisch war.

Wie kann ich als Person authentisch sein?

Als Person ist es gut zu wissen: Wo liegen meine besten Fähigkeiten, also meine naturgegebenen Talente? Jede*r kommt mit positiven Eigenschaften auf die Welt und im besten Fall lebt man sie und konzentriert sich nicht auf Dinge, die man vielleicht bei anderen sieht und toll findet, die man aber selber gar nicht ausleben kann, weil die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind. Bei diesen Fragen helfe ich, die mindestens drei wichtigsten und besten Eigenschaften herauszustellen. Auf sie kannst du dich konzentrieren, weil du dich nicht anstrengen musst, um sie zu leben. Sie sind vielmehr einfach da – wie ein Geschenk. Wenn ich mich darauf konzentriere, was ich kann, dann ist das ein guter Starter und alles fällt leichter.

Also zeigt mir die Anstrengung an, dass ich gerade nicht authentisch bin?

Nein, nicht unbedingt. Authentisch zu sein ist immer eine Entscheidung, und zwar nicht die einfachste. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Authentizität nicht immer gewünscht ist. Wenn man authentisch lebt, polarisiert man. Dazu muss man sich entscheiden, denn es bedeutet, nicht jeder Person gegenüber gefällig sein zu können - weder als Unternehmen oder als Team, noch als Mensch. Du positionierst dich; dadurch wird es einerseits leichter, passende und gute Entscheidungen zu treffen, aber andererseits kannst du nicht mehr die breite Masse bedienen. Umso älter man wird, desto einfacher wird es, weil man gar keine Lust mehr hat, Zeit zu verschwenden mit Dingen, Projekten oder Menschen, die eigentlich keinen Spaß machen oder mit denen man keine Werte, Ideen und Ziele teilt.

Was gewinnt man mit Authentizität?

Man gewinnt einiges. Aber die wichtigsten Aspekte sind Lebensqualität, Erfolg, Respekt, echte Zuneigung, Achtsamkeit, Gesundheit und Loyalität.

Was heißt es, als Team authentisch zu sein?

Es ist wichtig, die Werte gemeinsam klar zu haben, und sich diese Fragen zu stellen: Sind die alle Teammitglieder an der richtigen Stelle? Sind alle Rollen besetzt? Sind alle Aufgaben sinnvoll verteilt? Gibt es jemanden, der eine Vision für die Zukunft des Unternehmens hat? Diese Rolle ist besonders wichtig, sonst entwickelt sich ein Team nicht weiter. Es gibt in Teams sehr unterschiedliche Charakterzüge, unterschiedliche Menschen und im besten Fall hast du eine große Vielfalt im Team. Gute Personaler*innen erkennen, welche Personen an welcher Stelle richtig eingesetzt sind, um ihr volles Potenzial ausschöpfen zu können – und nicht völlig ausgebrannt einer Aufgabe hinterher zu rennen, die sie nicht erfüllen können. Das ist schließlich sehr frustrierend und führt zu psychosomatischen Krankheiten, zum Burnout, zu Depressionen.

Wie kann man verschiedene Bedürfnisse in einem Team aufeinander anpassen?

Ich würde nicht auf Anpassung gehen, denn je mehr du dich als Einzelperson anpasst, umso mehr verwässerst du dein eigentliches Talent und Potenzial. Es gibt zum Beispiel Menschen, die am liebsten nachts arbeiten und menschenscheu sind. Wenn du solche Persönlichkeiten den ganzen Tag unter Menschen setzt, verlierst du mindestens die Hälfte von deren Qualität und Kreativität. Sie dazu zu zwingen, sich sozusagen teamfähig zu verhalten, ist schon von der Sichtweise her falsch: Denn es sind die anderen, die sich nicht teamfähig verhalten, weil sie nicht erkennen, was dieser Mensch braucht, um sein volles Potenzial auszuschöpfen.

Wenn in einem Team alle ihren individuellen Wünschen folgen, kann die Zusammenarbeit schwierig werden, oder?

Aber warum? Es geht erst einmal darum, dass alle ihre Bedürfnisse wirklich erkennen. Und dann, dass die anderen dich sehen, schätzen und respektieren, so wie du bist. Es geht darum, die beste Schnittmenge zwischen den individuellen Bedürfnissen zu finden. Wo ist der Kommunikationsraum, den wir gemeinsam finden? Manche Menschen wollen immer im Team und im Kontakt sein, für andere ist es eher destruktiv. Deswegen ist es wichtig, beim Profil von Teams darauf zu achten, wer braucht was und die Bedürfnisse offen zu kommunizieren, damit niemand verwirrt ist. Oft verstehen Arbeitgeber*innen nicht, wie wichtig es ist zu erkennen, unter welchen Umständen die Mitarbeitenden ihr volles Potenzial am besten ausschöpfen können. Eine authentische Arbeitsweise geht eben nicht nach einer Schablone, sondern man muss sie selbst gestalten und den eigenen Rahmen und Antrieb finden.

Was treibt dich bei deiner Arbeit an?

Wenn du mich nach meinem höheren Ziel fragst, dann geht es mir darum, die Gesellschaft dahingehend zu verändern, dass jede Person, mit der ich arbeite, zufriedener wird. Denn wenn du bei dir bist, entstehen weniger Konflikte. Das heißt: Das beste Konfliktmanagement, das du betreiben kannst, ist, Menschen dabei zu helfen, so glücklich wie möglich mit ihrer Aufgabe zu sein und ihr volles Potential zu entfalten.


Jetzt haben wir über die Authentizität einer Person und eines Teams gesprochen. Was bedeutet es für ein Unternehmen, wenn es authentisch handelt?

Dann sprichst du die Kund*innen an, mit denen du wirklich arbeiten willst, weil sie die gleiche Energie haben oder die gleichen Ziele verfolgen. Das ist unternehmerisch eine Entscheidung, weil man sich über das Profil der eigenen Zielgruppe klar sein muss: Welche Menschen will ich ansprechen? Was ist unsere Identität und unserer DNA? Darauf kann man sich dann fokussieren und ein nächstes Entwicklungslevel erreichen.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Janet.

Interview: Johanna Worbs
Fotos: Manu Agah

Janet Braun bietet als Profilerin entwicklungsgesteuerte Lösungen für Unternehmen, Vereine, Organisationen, Agenturen, Teams und Einzelpersonen. Ein grundlegender Aspekt in der Kooperation mit ihr liegt im Körpersprache-Training und im Erlernen von Nonverbaler Kommunikation. Ihr Augenmerk zielt auf die individuelle Stabilisierung von Leistungsfähigkeit, Motivation, Produktivität und Balance für die in der Wahrnehmung besonders talentierten Highly Sensitive Persons (HSP) ab. Mit ihrer Podcast-Reihe „Sensitiv erfolgreich“ schafft sie Bewusstsein für die Stärken sensitiver Menschen. Zudem ist sie Beirätin im Verein „Viva con Agua de Sankt Pauli“ und setzt sich mit ihrem Engagement für den weltweiten Zugang zu sauberem Wasser ein.

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