Der Wert Ästhetik

Im Gespräch mit Frank Berzbach

Über Schönheit, Nick Cave, falsch verstandene Nietzsche-Zitate, Stille und Weißflächen in der Gestaltung.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Egal, welches deiner Bücher man in die Hand nimmt, sie sind alle wunderbar gestaltet. Warum legst du darauf so viel Wert?

Die äußere Form eines Buches hat Einfluss darauf, was man liest. Wir lesen ja nicht einen Text, wir lesen ein Buch. Mein Anspruch ist bei jedem Buch, dass es schön wird, dass sich Form und Inhalt verbinden und ergänzen.

Was bedeutet Schönheit für dich?

Ich unterscheide zwischen Attraktivität und Schönheit. Attraktivität ist psychologisch messbar, die Werbepsychologie mag Attraktivität, also Anziehung. Aversion ist der psychologische Gegenbegriff. Ich halte mich an die ostasiatischen Philosophien: Die Schönheit ist erstens gekennzeichnet durch eine unergründliche Tiefe und zweitens durch Nicht-Aggressivität. Oder anders gesagt: In der unergründlichen Tiefe liegt eine große Nicht-Aggressivität, also das Friedvolle, Heilsame. Der Künstler, die Künstlerin tritt in diesem Zen-buddhistischen Sinn an, die Welt zu verschönern. Das bindet die Schönheit an Werte, wie wir das im westlichen Diskurs nicht haben. Im westlichen Diskurs ist die Schönheit in der Ästhetik an die Wahrnehmung geknüpft. Das Gegenteil von schön ist hier hässlich. In der östlichen Philosophie ist das Gegenteil von schön – böse oder: vulgär. Das kennt die westliche Tradition nicht, es gibt zwar in der Antike die Lehre vom Schönen und Guten, aber normalerweise laufen Ethik und Ästhetik in der Tradition sehr weit auseinander. Anders in der östlichen Vorstellung von Schönheit. Das Heilsame gefällt mir in diesem Denken sehr, weil Achtsamkeit und Kreativität dabei eine wichtige Rolle spielen.

Diese Vorstellung holt die Schönheit aus dem Bereich von Schmuck, Luxus, Manipulation – das hat alles mit Attraktivität zu tun, nicht mit Schönheit. Deswegen: Wir haben heute keinen Schönheitskult, wir haben einen Attraktivitätskult. Wenn wir blonde Frauen vor hellblauem Hintergrund auf das Cover von Fernsehzeitungen drucken, und sich die Magazine dann besser verkaufen, wie man messen kann – dann hat das in meinem Sinne nichts mit Schönheit zu tun.

Wie hängen die Schönheit und das Geheimnisvolle zusammen?

Unergründlich bedeutet ja, dass wir es nicht berechnen können, es nicht in einer Formel ausdrücken können. Es gibt die großen Harmonie-Lehren, wie den Goldenen Schnitt. Diese Ideen der Renaissance stimmen alle, aber sie sind keine Formeln für Schönheit. Nur weil ich etwas im Goldenen Schnitt anlege und sich dann eine Harmonie entfaltet, bedeutet es nicht, dass es auch schön ist. In den ostasiatischen Lehren gibt es den Hang zur Nicht-Perfektion, zur Ablehnung von Symmetrie, zur Darstellung von alternden Dingen. Das liegt daran, dass hier die Kunst oder die Ästhetik nicht narkotisieren, sondern vielmehr den Geist wecken will. Wenn die Schönheit den Geist wecken soll, dann muss sie etwas offenlassen. Dann muss sie etwas erzeugen, das fehlt. In der ganzen Zen-Malerei ist fast alles schwarz oder weiß. Weil man davon ausgeht, dass eine schwarz-weiße Zeichnung eines Apfels den Geist die Farbe hinzufügen lässt. Es gibt eigenständige Lehren nur für die Weißflächen. Sie sind wichtiger als die Objekte selbst.

Ohne die Vorstellungen, die die Betrachtenden hinzufügen, werden diese Bilder also nicht lebendig?

Nein, aber das gilt ja generell. Ganz stark für Texte. Texte bestehen aus toten kleinen schwarzen Zeichen, wie eine Aneinanderreihung von Buchstaben auf einem Faden. Das Bild ist schlüssig, denn Text heißt Gewebe. Buchstaben sind aufgereiht auf Linien, wie der Unterfaden – und wenn von oben kein anderer Schussfaden durchkommt, also die Projektion des Lesers, der Leserin, entsteht keine Geschichte. Wir brauchen immer Betrachtende. Im Roman spielt es nicht nur eine Rolle, wie das Verhältnis der Figuren zueinander ist, sondern auch, wie der Text mit dem Leser interagiert. In den ostasiatischen Lehren setzt man sehr stark auf diese Interaktion. Das kann dann sehr provozierend sein, weil es sich nicht um glatte Oberflächen handelt. Attraktivität versucht einzulullen, wir können manchmal ästhetisch sozusagen mit diesen Harmonieprinzipien Urlaub machen – aber sie machen eben auch träge.

Wie kann man seinen Geschmack formen, um Schönheit in diesem Sinne wahrzunehmen?

Wir brauchen für die Schönheit einen sehr klaren und konzentrierten Geist. Und Zugang zur Intuition. Die Abwesenheit von starken Stresszuständen oder von Rausch gehört dazu. In der japanischen Vorstellung entwickelt die Konzentration eine eigene Form von Energie – und die hat dann ganz viel mit Kreativität zu tun. Das kann nur der klare Geist. Es gibt diese Metapher von dem Wasserglas mit Sand. Wenn wir in dem Glas rühren, ist es trüb, der unruhige Geist, wenn wir es aber abstellen, sinkt der Sand zu Boden und das Wasser wird ganz klar. Oder es gibt die Metapher der Meeresoberfläche: Die Wellen sind nur oben. Zwei Meter tiefer herrscht totale Stille. Diese Stille brauchen wir für die Wahrnehmung von Schönheit.

Was denkst du über den Satz: Kreativität braucht Chaos?

Das ist ein falsch verstandenes Nietzsche Zitat und geht zurück auf den Satz:
„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Dieser Satz meint innere Bewegtheit, aber äußere Ordnung. Nietzsches Notizen waren ja auch nicht durcheinander. Außerdem ist es ein Mythos, dass Chaos überhaupt etwas mit Kreativität zu tun hätte. Schon der Begriff Chaos versucht eine Ordnung zu suggerieren und bildet nicht im eigentlichen Sinne Chaos ab. Damit meine ich: Wir versuchen, eine Ordnung, die wir NICHT VERSTEHEN mit einem Begriff zu kennzeichnen und so wieder eine verständliche Ordnung einzuführen. Mathematisch ist es sehr schwer, Zufall und Chaos herzustellen. Weil wir dafür doch zugrundeliegende Strukturen und Gesetze annehmen müssen, um diese Phänomene zu simulieren. Was du mit Chaos meinst, ist Unordnung. Es kann inspirierend sein, wie eine Muse, wenn ich von vielen Bildern umstellt bin oder inspirierenden Menschen, das sind alles gute Einflüsse. Allerdings nicht für den Moment der tatsächlichen Kreativität. Da brauche ich wieder eine geordnete und klare Sicht. Heißt also: Chaos und Kreativität gehören nicht zusammen, aber es heißt auch nicht, dass wir überall eine strenge, rationale Ordnung herstellen müssen. Überhaupt sollten wir uns fragen: Sprechen wir über die äußere Ordnung in einem Raum oder sprechen wir über innere Zustände von klaren Gedanken?

Wir brauchen eine Sensibilität für die Zusammenhänge der Dinge. Atmosphäre ist ein Hauptkennzeichen von Schönheit.

Kann man in einem geschmacklosen oder hässlichen Raum kreativ tätig sein?

Man kann überall kreativ tätig sein, auch in einem Café. Dann muss das Gehirn allerdings die Störgeräusche herausfiltern, und man verliert viel Energie. So ist das auch bei Formen: ein hässlicher Raum ist also durchaus ein Hinderungsgrund. Eine Ordnung aber, die mein persönliches Durcheinander abbildet, kann gemütlich sein, ein gut gebautes Nest, und das ist wiederum sehr inspirierend. Der Schreibtisch von Nick Cave ist so ein Beispiel: In seinem Film sieht man ein unglaubliches Wirrwarr von Bildern, die hinter ihm hängen, Bücherstapel, Schreibmaschinen, Stifte… hochinspirierend – allerdings nur, wenn er da sitzt. Wir hätten nicht den gleichen Zugang zu diesen Dingen. Es ist also sehr individuell, wie wir unsere Räume gestalten. Manche Menschen brauchen Klarheit, andere nicht. Bei mir sind überall Bilder, Schallplatten, Bücher; zum Schreiben setze ich mich jedoch oft an einen Ort, wo ich einen ruhigeren Blick habe. Wir müssen uns alle eine eigene Ordnung schaffen. Die Atmosphäre eines Raumes für mehrere Personen zu kreieren, in einem Büro zum Beispiel, ist also sehr anspruchsvoll. Wir brauchen eine Sensibilität für die Zusammenhänge der Dinge. Atmosphäre ist ein Hauptkennzeichen von Schönheit. In französischen Cafés denke ich oft: Ist das schön. Die Einzelobjekte sind aber oft gar nicht schön. Da steht ein alter Kühlschrank in der Ecke, ein Fernseher darauf, es läuft Tour de France, es gibt Plastikaschenbecher mit Schnapswerbung. Einzeln nicht gut, aber in der Gesamtheit denke ich: so gehört das, das ist schön. Es ist geht nicht um kalkulierbare und berechenbare, schnell herzustellende Ordnung. Schönheit ist Arbeit, in diesem Sinne, sie ist nicht einfach da. Und zugleich muss sie völlig natürlich wirken und ohne jeden Kunstwillen. Schönheit kann man nicht wollen, nur wahrnehmen.

Wie kann ich mich für Schönheit öffnen?

Man muss sich in diese Haltung bringen: Jetzt habe ich es mit Schönheit zu tun, jetzt wird es kompliziert. Und leise. Ich habe eine Bilderwand und ich weiß, dass ich nur in bestimmten Stimmungen daran herumbasteln kann, Bilder hineinhängen oder herausnehmen. Das kann ich nicht schnell, dann wird es falsch. Ich folge der Intuition.

Der Raum ist das erweiterte Portrait einer Person. In Arbeitsverhältnissen sehen wir den Geist und die Werte eines Unternehmens oder einer Agentur in den Räumen. Dann haben wir bereits ein Gefühl dazu, ob wir dieser ästhetischen Wertegemeinschaft beitreten möchten. Denn wir müssen davon ausgehen, dass sie uns prägt. Die Form prägt uns zurück. Abgrenzen ist da sehr anstrengend – wie in dem Beispiel mit dem hässlichen Raum. Wir müssen ja manchmal in hässlichen Räumen arbeiten. Aber es entzieht Kraft und Kreativität.

Ein anderer Gedanke dazu: Ich kann mich vorbereiten. Wenn ich weiß, wo mein Werkzeug ist, muss ich nicht suchen. Japanische Künstler brauchen erst einmal eine halbe Stunde, um die Tusche so zu legen, neben ihr Blatt. In diesem Prozess werden sie sehr ruhig, sehr konzentriert, es gehört dazu. Später ist es Teil des Bildes selbst. Ich sehe in dem Bild etwas, das vorher als Ordnung geschaffen wurde. Ostasiatische Schönheitsvorstellungen haben die Vorstellung von Präsenz. Das ist keine Objektästhetik. Das ist die Präsenz der Person im Moment der Kreation. Diese Präsenz will man im Bild sehen. Japanische Texte sind manchmal sehr kurz. Es gibt Meisterwerke, die sind 100 Seiten lang. Und dann gibt es Menschen, die brauchen 30 Jahre, um diese Texte zu verstehen. Und so ist es bei Schönheit auch. Sie ist nicht einzufangen, zu operationalisieren, schnell verständlich. Ich kann nicht drei Sachen kaufen, und dann bin ich schön.







Geheimnis, Stille, Konzentration und Atmosphäre – das sind wichtige Aspekte von Schönheit in deiner Darstellung. Was fehlt noch?

Ich konzipiere Schönheit als eine sichtbare Form der Liebe, sehr romantisch also. Die Romantik ist für mich ohnehin der irrationale Abstoßpunkt für diese Fragen der Ästhetik. Dafür brauchen wir die Kunst. Wir brauchen die Kunst nicht, um Moral zu vermitteln. Das kann die Ethik viel besser. Die Ästhetik sollte mutig sein, provokant vielleicht auch – aber nicht vulgär. Man kann gegen alle Attraktivitätsregeln verstoßen und dennoch, oder gerade deshalb, etwas Schönes erschaffen. Man sollte sich aber immer den Unterschied zwischen Attraktivität und Schönheit bewusst machen. Wenn wir in die Tiefe der Dinge schauen, brauchen wir manchmal eine Zeit lang, bis wir ihre Schönheit erkennen. Doch dann hat sie Bestand. Und sie weckt und rettet uns.

Frank Berzbach, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Interview: Johanna Worbs
Alle Fotos (c) Tristan Hachmeister

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Dr. Frank Berzbach
unterrichtet Literaturpädagogik und Philosophie an der Technischen Hochschule Köln. Nach einer Ausbildung zum Technischen Zeichner studierte er Erziehungswissenschaft, Psychologie und Literaturwissenschaft.
Über Wasser hielt er sich als Bildungsforscher, Wissenschaftsjournalist, Fahrradkurier und Buchhändler. Er hat eine Vorliebe für Fahrräder, Schallplatten und Bücher, Tätowierungen und Klöster. Er lebt in Köln und auf St. Pauli.

Seine Publikationsschwerpunkte: Kreativität, Arbeitspsychologie, Religion und Spiritualität, achtsamkeitsbasierte Psychologie, Literatur, Popmusik, Popkultur und Mode.

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