Der Wert Vitalität

Im Gespräch mit Agneta Lansing

Über Entscheidungen, Kreativität, Routinen und wie wir Energie aus unserem Tun ziehen können.

Agneta, was heißt es für dich, ein vitales Leben zu führen?

Es heißt für mich, im Hier und Jetzt zu sein. Der Begriff Vitalität gilt immer nur im Hier und Jetzt: Ich kann nicht mehr spüren, wie vital ich in der Vergangenheit einmal gewesen bin - und es macht auch keinen Sinn, darauf zu hoffen, dass ich vielleicht in der Zukunft vital sein werde. Vitalität ist für mich der Inbegriff der Lebendigkeit und die Lebendigkeit, für die ich mich entscheide, ist immer im Hier und Jetzt.

Was ist wichtig, wenn wir uns als Unternehmen vital fühlen wollen?

Mein Tipp: Entschleunigen, um zu beschleunigen. Du musst wissen, wofür du brennst. Es macht keinen Sinn, Energie in der Entschleunigung zu sammeln, wenn du danach nichts mit ihr anzufangen weißt. Vitalität im Arbeitskontext hängt vor allem mit diesen Fragen zusammen: Für was entschleunigst du? Wofür brennst du? Dinge mit Hingabe machen, statt mit Unterwerfung – das ist Vitalität. Ich glaube außerdem, Vitalität ist mit Spontaneität verbunden. Wir sind immer in einem Zyklus der Veränderung, das sollten wir nie vergessen. Etwas, das dir heute guttut, ist vielleicht in drei Jahren gar nicht mehr gut. Was tut dir zurzeit gut? Für diese Fragen sollte sich in einem vitalen Unternehmen jede*r die Zeit nehmen können.

Kann man sich für Vitalität entscheiden?

Ich entscheide mich für eine Haltung. Indem ich mich frei mache von dem, was die Umwelt von mir erwartet, entscheide ich mich für meine eigene Vitalität. Wenn ich in einer guten Verbundenheit mit mir bin, dann spüre ich, wie viel Energie ich habe. Und dann lebe ich sie aus – unabhängig davon, was die anderen sagen. Es ist allerdings nicht immer einfach, weil die anderen einen schützen wollen. Dazu passt diese Geschichte: Ich habe vor Jahren eine belastende Therapie gemacht und sah sehr gebeutelt aus, aber ich merkte, dass es mir eigentlich ganz gut ging. An manchen Tagen wollte ich also nach draußen, wollte mitgehen, mit aufs Wasser, an den Strand. Oder ich wollte in der Küche stehen und kochen. Aber alle haben gesagt: „Nein, du bist krank, du musst dich schonen und hinlegen!“ Und ich sagte: „Nein. Wenn ich da liege, dann komme ich ins Grübeln, das ist für mich nicht gut. Ich bin lieber jetzt vital und dann heute Abend früher müde.“ Ich glaube, dass diese Art der Fürsorge oft ein Missverständnis ist. Hinter der Fürsorge steckt die Angst davor, dass man Zeuge eines Zusammenbruches wird und dann Schuld auf sich geladen hat. „Wir haben es nicht bemerkt, wir hätten sie nicht mitnehmen dürfen, sie hätte sich ausruhen sollen.“

Wieso setzt du dich mit dem Thema Vitalität auseinander?

Ich habe eine Erbkrankheit, mit der man eigentlich nicht älter wird als 45 Jahre. Diese Grenze liegt inzwischen hinter mir. Der Tag meines 45. Geburtstages war eine Befreiung von dem Gedanken daran. Seit ich 16 Jahre alt war, hatte ich regelmäßig Operationen. Die Krankheit hat also schon früh angefangen – war aber lange nicht diagnostiziert. Mit 40 Jahren kam es dann zum Zusammenbruch, da war ich körperlich so fit ich nur sein konnte, hatte drei Kinder und war vital auf höchstem Niveau unterwegs. Ich habe die Verbindung zu mir selbst allerdings nicht gehabt, also habe ich es nicht kommen sehen, auch wenn mein Körper Warnzeichen schickte. Schließlich kam der Zusammenbruch, mit zahlreichen Erkrankungen von Hirnhautentzündung über Schweinegrippe bis Pfeiffersches Drüsenfieber. Ich konnte kaum aufstehen. Zähneputzen im Stehen war zu anstrengend. Ich war bei zahlreichen Ärzt*innen, dann wurde mir eine Therapie vorgeschlagen, die den
Körper erst einmal weit zurück wirft und viel zerstört. Es war auch Poker, weil niemand wusste, ob sie tatsächlich helfen würde. Damals war es genau dieser Paukenschlag, zu dem es mich hingezogen hat. Ich war so verzweifelt, es ging gar nichts, ich war zu allem bereit. Ich sagte mir, ich gehe ins Krankenhaus und lasse mich auf diese radikale Therapie ein. Dort habe dann 18 Monate tagsüber gelegen, von Montag bis Freitag, und abends zu Hause geschlafen. Irgendwann in dieser Zeit habe ich wieder angefangen zu malen. So ist ein Bilderbuch über eine Maus entstanden. Ich habe auf diese Art mit meinen eigenen Kindern kommuniziert, habe im Bett gemalt und war in einer heilen Welt, durch meine Stifte und den Block auf meiner Decke. Ich habe meinen ganzen Werdegang im Krankenhaus gezeichnet. Mit allem, auch der Verzweiflung. Da meine Geschichte in Gestalt dieser Maus mit ihren geringelten Socken erzählt wurde, ist sie für mich – und auch meine Kinder – abgefedert und zugänglich geworden. Über die Maus konnte ich zeigen, wie es mir geht. Und beim Zeichnen habe ich gemerkt, ich kann etwas schaffen. Ich kann einen kreativen Prozess ankurbeln, und darüber bekomme ich wieder Vitalität. Ich kreiere etwas und schaffe etwas Neues. Und es ist nicht nur vertane Zeit, hier zu liegen.

Nach unserem Gespräch zeichnet Agneta dieses Bild.

Wie hängen Vitalität und Kreativität zusammen?

Stärker, als wir oftmals denken. Das Problem in unserer Gesellschaft ist, dass alle, die nicht künstlerisch arbeiten, davon ausgehen, sie wären nicht kreativ. Wir machen heute viel zu wenig noch selbst: Du kaufst vorgenähte Vorhänge, du kaufst das Gemüse schon geschnitten, den Salat schon gewaschen. Alles, alles wird uns abgenommen, jeder Handgriff. Kreativität entsteht aber genau dann, wenn du mal wieder Karotten in der Hand hast und sie schälst und siehst, dass da so Blümchenformen entstehen und dass man aus so einer Karotte auch was schnitzen kann. Oder wenn du merkst: Es macht Spaß, sich das eigene Zuhause zu gestalten, so, dass es wirklich ein Wohlfühl-Ort ist. Dafür nehmen wir uns heute zu wenig Zeit, glaube ich.

Sind Routine und Vitalität Gegensätze?

Nein, ich glaube, meine Vitalität ist in gewisser Weise eine Routine. Ich glaube Vitalität kommt dann zum schönsten Ausdruck, wenn man mit sich selbst verbunden ist und eine gute Selbstfürsorge betreibt – und das kann eine Routine sein. Wenn es Routine ist, dass ich jeden Tag Vitalität in irgendeiner Form auslebe, dann passt es perfekt zusammen, dann ist es gar kein Widerspruch.

In welcher Verbindung stehen Vitalität und Ästhetik für dich?

Ästhetik macht Freude. Und jede Art von Freude belebt mich. Und auch umgekehrt: Wenn du zum Beispiel in einem Krankenhausbett liegst und hast ein Auge für Ästhetisches, dann kostet es viel Energie, die Umgebung wegzudrücken.

Was denkst du über unsere fünf Werte Potenzialentfaltung, Ästhetik, Vitalität, Beziehung und Authentizität?

Ästhetik ist Freude. Potenzialentwicklung ist Selbstbefreiung und Selbstverwirklichung. Ich finde es wichtig, dass jede*r für sich versucht, das eigene Potenzial zu entfalten. Je individueller diese Gestaltung, desto lebendiger ist das gesamte Unternehmen. Da kommt die Vitalität ins Spiel. Diese ganzen Begriffe greifen wie Zahnräder ineinander: Ich muss kreativ sein, um mein Potenzial entfalten zu können. Und ich brauche Energie dafür – und Authentizität ist der größte Energiesparmodus, den es gibt.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Agneta!

Interview: Johanna Worbs

Agneta Lansing arbeitet als Resilienz Coach für das Hoffman Institut Deutschland. Außerdem ist sie selbstständige Psycho-Onkologin und psychologische Beraterin für Menschen in der Lebenskrise. Nach über 20 Jahren in der Photographie und im Artist Management in London und Paris hat sie ihr Lebensweg immer wieder mit dem Thema Resilienz, Aufleben und Vitalität konfrontiert. Ihre eigene Vitalität und ihr Lebensmut haben sie durch und aus der Lebenskrise begleitet.

Du willst mehr über die Werte der Identitätsstiftung erfahren?
Hier geben wir einen Einblick in unseren internen Werte-Prozess.

id-stiftung
Identitätsstiftung

Sophienstraße 6
30159 Hannover

info@identitaetsstiftung.de
0511 – 16 58 10 37